EXPLOSIONEN IN ZEITLUPE – Thomas Stimm

Ausstellung ab 14. Mai 2021 bis 15. Juni 2021
Kurator Günther Holler-Schuster

Die Ausstellung beginnt im Rahmen der Grazer Galerientage.

Auf Grund der aktuellen Situation verzichten wir auf eine Eröffnung. Eine Video Einführung
wird zum Beginn der Ausstellung auf der Homepage zu finden sein.
Der Künstler wird am Samstag, dem 15. Mai 2021 Vormittags anwesend sein.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

„Blumen sind Explosionen in Zeitlupe, ähnlich den expandierenden Reaktionen im Kosmos.“ Thomas Stimm

Blumen, Gräser, Beeren – uns sehr selbstverständlich ständig begleitende Elemente aus der Natur – sind heute Thomas Stimms hauptsächliche Motive. Seine Kunst lässt sich im Kontext der Bildhauerei definieren. Die Dreidimensionalität aus der Unbeschwertheit der Malerei entwickelt gab in den 1980er Jahren den Impuls Alltagsszenen, die eigene Umgebung und die darin stattfindenden Handlungen (Schwimmen, auf der Wiese sitzen, eine Blume betrachten, etc.) spontan in kleinen Tonmodellen festzuhalten. Stimm ging dabei wie ein Fotograf vor, der scheinbar unbedeutende, private oder Alltagsszenen schnappschussartig festhält. Der feuchte, leichtformbare Ton, lässt sich unkompliziert und gut bearbeiten. Die Weichheit des mit den Händen schnell in Form zu bringen Tons, sowie die darauf folgende Bemalung, erzeugt einen sinnlichen Reiz, ähnlich wie beim Malen. Die Keramiken weisen zusätzlich den Eindruck von „Nippes“ auf – eines möglicherweise aus dem Andenken-Kitsch kommenden Gedankens. Kleine Figurengruppen, Blumen, diverses Obst und Gemüse finden sich auch dort und geben im Kleinen etwas zum Besten, dem man vielleicht gerade in der Realität begegnet ist. Ein isolierter Fliegenpilz – vielleicht in der Funktion eines Salzstreuers – wirkt trotz seiner Kleinheit monumental. Es ist seine Bedeutung in diesem Moment, die ihn groß erleben lässt. Mittlerweile sind wir umgeben von monumentalen Eistüten, Weintrauben, Äpfeln, Tortenstücken und andern Objekten der allgemeinen Begierde und der hedonistischen, wie ökonomischen Lust.


Thomas Stimm geht in seinen aktuell entstandenen Skulpturen ähnlich vor. Er nützt Größenverhältnisse zur Wahrnehmungsmanipulation. Durch den Materialwechsel von Ton zu Metall (meist Aluminium), kann der Künstler größer arbeiten. Die Keramik hat technologische Grenzen, lässt sich nicht oder nur sehr schwer im Großformat realisieren. Der Alu-Guss jedoch lässt nicht nur größere Formte zu, sondern auch präzisere Details. Man kann dünne Gräser genauso realisieren, wie voluminöse Himbeeren oder Brombeeren. Die Farbqualität verbessert sich durch die industriellen Lackiermethoden, wie sie der Autolack heute bietet, erheblich. Der sinnliche Charakter der Arbeiten steigt damit weiter an. 


Die Pop-Art hat gezeigt, wie besonders der Alltagsgegenstand plötzlich sein kann, wie sehr eine Überhöhung des Alltäglichen zu veränderten Wahrnehmungen führt. Stimm war niemals interessiert an Kritik an der Warenwelt, die man der Pop-Art nachsagt. Viel mehr war für ihn entscheidend, dass die Pop-Art plötzlich einen unvoreingenommenen Zugriff auf die Realität ermöglichte. Farbfreude und der Glanz der Oberfläche haben es in der Pop-Art möglich gemacht weiterhin Skulpturen zu machen und trotzdem in der Zeit zu bleiben – die Aktualität nicht zu verlieren. Stimms junge Jahre waren geprägt vom kritischen Zugang zur Gesellschaft, zur Kunst, zum Leben generell. Wie sollte da neben all dem politischen Aktivismus, der Performance- und Happening-Kultur, der gewöhnliche Alltagsgegenstand als Beleg ästhetischer Vorstellung Platz finden? Der Ready-Made-Gedanke spielt hier sicher noch eine Rolle. Dieser wurde jedoch im Rahmen der Pop-Art modifiziert, wenn man an Warhols „Brillo-Boxen“ denkt. Ein völlig unscheinbares Element aus dem Alltag – eine Waschmittelpackung – wird zum besonderen Objekt. Dazu kommt es nicht durch direkte Übernahme des realen Gegenstandes ins System der Kunst, sondern durch Imitation. Warhol bemalt Holzkisten in der selben Dimension, wie die Waschpulverkartons und bemalt sie wie das Original. Was hat man da? Ein dreidimensionales Gemälde, die Verherrlichung eines Reinigungsproduktes oder eine Skulptur. Unsere kulturelle Vereinbarung macht es möglich in dem Fall von einer Skulptur zu sprechen – die Verklärung des Gewöhnlichen (Danto). 


Stimm nimmt seine Motive auch aus der unmittelbaren Umgebung. Er hat längst bemerkt, dass uns die Natur als Maß bzw. als Bezugssystem, ständig begleitet und dass die Kunst seit Jahrhunderten darauf in unterschiedlicher Form Bezug nimmt. Der Grad an Bedeutungen und dem damit einhergehendem Pathos, ist im Bezug auf die unterschiedlichen Naturvorstellungen enorm. Wie kann man dieses Pathos auflösen und die Dinge unbefangen sehen, sie als etwas Eigenes und aus dem Leben kommendes begreifen? Wie kann man den kulturgeschichtlichen Ballast abwerfen? Indem man als Künstler beharrlich an den scheinbar beiläufigen Motiven festhält, sie immer wieder aufs Neue hinterfragt und in unterschiedliche Formen bringt, sie unterschiedlich zueinander positioniert und so zu einem Narrativ gelangt, das möglicherweise Teil eines Gesamtkonzepts werden kann. 


Vielleicht kann die Überlegung des Comics hier helfen. Stimm war seit frühester Jugend von Comics begeistert. Für ihn beginnen sie dort wo Kunst aufhört. Sie erzeugen letztlich einen selbständig funktionierenden Kosmos mit eigenen Gesetzmäßigkeiten und mit einer völlig unterschiedlichen Realitätswahrnehmung. Tiere können plötzlich auf zwei Beinen gehen, sprechen, Handlungen vollführen wie Menschen. Ähnliches erleben wir bei an sich unbelebten Objekten. Auch Früchte, Blumen oder Pilze können im Comic oft menschliche Eigenschaften aufweisen und sich wie Menschen verhalten. Stimm sieht seine Pflanzen auch grundsätzlich als lebende Wesen, was sie ja sind, aber eben mit erweiterten Möglichkeiten. Die Blumen und Früchte sind ihrer eigenen Dimension beraubt an das menschliche Maß angeglichen. Sie bekommen dadurch mehr Eigenleben und werden sichtbarer in ihren neuen Eigenschaften. Sie scheinen plötzlich nicht nur mit dem Publikum zu kommunizieren, sondern auch untereinander. Sie stehen bzw. liegen in Gruppen zusammen, bauen zueinander eine Art Intimität auf. So stehen Gänseblümchen in einer Gruppe zusammen und lassen dabei an die „Bürger von Calais“ denken. Die berühmte Skulpturengruppe von Rodin als Assoziation bringt die Geschichte der modernen Skulptur ins Spiel und transformiert so Teile der Erzählung in kunstimmanente Fragen. Kunst ist für Stimm ein Mittel der Kommunikation, der Fragestellung ganz allgemein, so ist es auch nicht verwunderlich, dass er dieses Element auf mehrfache Weise strapaziert. Scheinbar gelingt diese Art von Kommunikation auch besser über Alltagsgegenstände, die bereits eine gewisse inhaltliche oder kulturelle Konnotation in Jedem von uns aufgebaut haben, aber trotzdem meist vom allgemeinen Pathos verschont geblieben sind. 


Die Farbwahl bringt ein zusätzliches Element ein, das sich über die Konvention erhebt. Nicht dass es farbige Skulpturen nicht schon lange gibt. Die Kunstgeschichte zeigt uns sogar, dass sie der Normalfall waren. Die Kunstgeschichte zeigt aber auch, dass die Farbe seit der antike systematisch verdrängt und damit abgewertet wurde. Mehr und mehr wurde die Farbe trivialisiert und mit Oberflächlichkeit verbunden. Die Farbe wurde so nahezu automatisch aus den höheren Sphären des Geistes ausgeschlossen. Die Renaissance, die Antikenrezeption im 19.Jahrhundert (Winckelmann), sowie Strömungen wie Minimal-Art oder Concept-Art machen diesen Verlauf offensichtlich. Die Eigenfarbe des Materials, das makellose Weiß, unterbrochen von Schwarz bzw. diverser Grauwerte, wurde somit zum Sinnbild des Wahrhaftigen, des Authentischen. Wieder hat man es mit einer Form von Pathos zu tun – einer Reglementierung, die zu einem Imperativ geführt hat. Die „Neue Malerei“ der 1980er Jahre hat die Farbe auf unterschiedliche Weise zurück ins Spiel gebracht, das hat auch Stimms Überlegungen neu Impuls gegeben bzw. seinen Ansatz bestärkt, figural, farbig und erzählerisch zu arbeiten. Ein gesamter Kosmos ist dabei im Laufe der Jahre entstanden – zunächst aus der Beobachtung der eigenen Lebensrealität heraus, später immer mehr in Form eines monumentalen imaginären Comics.


Stimm bringt es selber auf den Punkt, wenn er sagt: „Blumen sind Explosionen in Zeitlupe, ähnlich den expandierenden Reaktionen im Kosmos.“


Günther Holler-Schuster 

Thomas Stimm – Beeren, 2003

Thomas Stimm – Wissmanstraße, 1997

Thomas Stimm – Blumen (Gänseblümchen), 2021
Reinisch Contemporary