MYTHOS AZILAL

ERÖFFNUNG: Samstag, 18. Juli 2020, 15.00 Uhr, Schloss Karlsdorf bei Ilz
EINFÜHRUNG: Günther Holler-Schuster
DIE AUSSTELLUNG IST AUCH AM 19.7. & 25. und 26.7.2020 von 15.00 -18.00 Uhr geöffnet

Route von Graz / Route von Wien

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Die Provinzhauptstadt Azilal liegt auf der Nordseite des hohen Atlas in der Region Béni Mellal-Khénifra. Die Gegend war bis vor Kurzem noch keine definierte Teppichregion. Azilal-Teppiche wurden bis dahin meist unter „Boujad“ oder einfach unter „Mittlerer Atlas“ bzw. „Hoher Atlas“ subsummiert. Die Hochebene, die unter dem Namen Azilal begriffsbildend ist, liegt zwischen den beiden Gebirgszügen des Atlas. Im Norden davon liegt die heilige Stadt Boujad – Handelsplatz und Synonym für die sogenannten „Tapis Fou“. Diese in hohem Maße freien und von traditionellen Konstanten fernen Teppiche, könnte man als die Speerspitze der Avantgarde am Teppichsektor ansehen. Die Zeichen, Symbole und Mustervorstellungen der Berbertradition sind im Boujad bereits seit sehr langer Zeit abstrahiert und umcodiert, segmentiert und frei flotierend. Andere Materialien, wie Stoffreste wurden in der Produktion plötzlich statt Wolle verwendet – man nennt diese Teppiche heute „Boucherouite“.

Die Galerie Reinisch Contemporary beschäftigt sich schon seit etwa drei Jahrzehnten mit Teppichen aus Azilal. Erstmals wird hier ein repräsentativer Querschnitt durch dieses produktive Gebiet gegeben. Man hat erkannt, dass es sich bei Azilal um eine Region handelt, die am Teppichsektor stilbildend ist. Dort scheinen wesentliche Phänomene der Musterentwicklung zusammenzutreffen. Die Freiheit und Spontaneität der ästhetischen Praxis ist dort besonders ausgeprägt. Ordnung und Chaos liegen dabei oft in einem einzigen Stück nahe beisammen. Strukturen bauen sich auf und lösen sich im nächsten Moment wieder auf, Farben wechseln scheinbar ohne Grund und Symbole finden sich in den Gestaltungen eher segmentiert bzw. bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst. Eine farbige Explosion – ein vitales Zeichen des Einklangs von Mensch und Natur – wird in diesen geknüpften „informellen Bildern“ sichtbar.

Wir möchten das gerne „informell“ bezeichnen. Unsere westliche Bildung kalkuliert dabei in der Nachfolge der Kunstgeschichte und zieht Parallelen zur informellen, tachistischen Malerei, die eine befreiende monumentale Geste war. Der Schwerthieb der Avantgarde gegenüber allem Bestehenden. In der Nachfolge zweier Weltkriege konnte nur mehr „Tabula Rasa“ folgen. Der heroische, maskuline Akt des abstrakten Expressionismus ist jedoch nicht mit der femininen Formulierung aus der Textilkunst zu vergleichen. Knüpfen ist ein vielschichtiger Vorgang, der zahlreiche technische Schritte beinhaltet, die für das Resultat notwendig sind. Der eigentliche Prozess des Knüpfens und des Webens ist immer derselbe – ob exakt und die Traditionen beherzigend, oder frei und damit Neues erschließend. Erst das Endergebnis lässt uns an die Malerei und an den dort inhärenten Abstraktionsvorgang denken. Es sei aber darauf hingewiesen, dass es kühn und äußerst verblüffend ist, welche neuen Formulierungen sich aus dieser Entwicklung ergeben haben. Eklektizistisch binden die aus Azilal stammenden Teppiche das Wissen und die Formen der umliegenden Gegenden mit ein. Daher ist es schwer, fast unmöglich, regionale Besonderheiten bzw. Alleinstellungsmerkmale für die Azilal-Teppiche zu definieren. Sie sind noch wilder, noch informeller und noch weiter von den Traditionen entfernt als ihre „großen Brüder“ die Boujads.

Eine beständige Kraft des Wandels, des Fließens und der Eindruck der unabsehbaren Veränderung zeichnet diese berberischen Erzeugnisse besonders aus. Die Bewegung scheint in diesen Teppichen niemals zum Stehen zu kommen. Die semantische Bedeutsamkeit bestimmt nicht mehr die ästhetische Ordnung. Die Knüpferinnen haben im Knüpfprozess grundsätzlich noch das Bewusstsein des Besonderen, sogar des Spirituellen, erhalten. In der Lesbarkeit der Muster haben sich die Konstanten jedoch verloren – man setzt sie meist frei und ausschließlich ästhetischen Überlegungen zufolge ein. Sicher mag das eine oder andere gesicherte Zeichen, bspw. zur Abwehr des bösen Blickes, ein Amulett, ein Lebensbäumchen, etc. darin auftauchen, zusammenhängende Programme mit in sich logischen Musterkonstruktionen finden sich hier nicht.

Für uns westliche Konsumenten funktionieren Teppiche üblicherweise als Objekte der Schaulust. Die Moderne hat vom Bild bzw. vom Gemälde im Laufe seiner Entwicklung mehr verlangt als nur Bild zu sein. Dreidimensional und multifunktional, dynamisch und taktil sollte die Erweiterung des Gemäldes sein. All das sind Forderungen, die der Teppich – egal woher er kommen mag – schon von Beginn an verwirklicht. Die Teppiche erweitern somit unser Bildverständnis auf verblüffende Weise. Sind sie damit so lange Bilder, wie sie beschaut und nicht benutzt werden?

Günther Holler-Schuster

 

 

 

 

Reinisch Contemporary