FRANZ MOCNIK & BENI OURAIN
Zeichnungen. Gemälde. Teppiche.

21. Okt.-12.Nov. 2013

126Dass sich das Kreative nicht nur auf klassische Kategorien wie Zeichnung oder Malerei festlegen lässt, ist weitgehend bekannt. Die Avantgarden des 20. Jahrhunderts haben die Möglichkeiten sowohl im technischen als auch im inhaltlichen Bereich grundsätzlich erweitert. Ob eine Zeichnung auf einer Felswand oder auf einem Holzstück, mit Kreide oder mit Kugelschreiber entstanden ist, ist demnach sekundär. Die kulturellen Unterschiede, die heute in einer weitgehend globalisierten Gesellschaft wirksam werden, schaffen weitere überraschende Formen beispielsweise des Zeichnerischen oder des Malerischen. Gesellschaften, die das Tafelbild traditionell nicht kennen, wie die afrikanische, kompensieren die für uns so zentralen und bedeutsamen Kategorien der Bildwerdung in anderen technischen Sparten – u. a. der Textilkunst, Körperbemalung oder der Bemalung von Häusern.

Wenn die Galerie Reinisch Contemporary diesmal den in Graz lebenden Maler, Zeichner und Plastiker Franz Yang-Močnik gemeinsam mit marokkanischen Berberteppichen ausstellt, so mag das nur auf den ersten Blick wie eine Verkaufsstrategie anmuten. Die auf weiß grundierter Leinwand mit Kohle aufgebrachten Zeichnungen Yang-Močniks sind expressiv und zeugen von einem grundsätzlichen Existenzialismus, der den Menschen in seinem Sein durchaus ringend und leidend zeigt.

Die meist weißen, mit schwarzbraunen Linien und Flächen gestalteten Teppiche (hauptsächlich Beni Ourain, Azilal, Bouschad oder Ourika), folgen einer Tradition, die uns abstrakt erscheint. Die Striche, Flecken, Zeichen und stilisierten Formen sind jedoch nur in der abendländisch- westlichen Wahrnehmung abstrakt. In der Kultur ihrer Herkunft Marokkos sind sie narrativ. Sie sind Symbole einer umfassenden Weltbeschreibung und eines sowohl konkreten und realen Lebenszusammenhanges als auch einer spirituellen Realität.
In Yang-Močniks Bildern, die eigentlich bezüglich ihrer Materialität und ihrer Machart sowohl dem Medium Zeichnung als auch der Malerei zugeordnet werden können, wird durch den gestischen Farbauftrag ein hoher Grad an Abstraktion erreicht. Während Yang-Močniks Bilder vom höchst subjektiv empfundenen eigenen Mikrokosmos ausgehen, sind die Teppiche der Berber zunächst der Natur, den Mythen und spirituellen Zusammenhängen eines Makrokosmos verpflichtet. Aber auch diese eher allgemein anmutende Ebene wird von den Künstlerinnen – es sind nahezu ausschließlich Frauen, die diese Teppiche produzieren – subjektiv erlebt. Ihre eigene Sprachlosigkeit innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung lässt sie sich in den Zeichen und Symbolen der gewebten Realität ausdrücken.

Man kann im Vergleich zwischen den Tafelbildern und den Textilarbeiten höchst verblüffende Parallelen erkennen, so unterschiedlich sie auf den ersten Blick erscheinen mögen. Franz Yang-Močnik hat nicht bewusst auf diese Teppiche reagiert, vielmehr ist es ein momentaner Blickwinkel, der sich in dieser Kombination eröffnet und der letztlich auch den hegemonialen Kunstanspruch westlicher Prägung aufweicht, der in hier Kunst und dort Kunsthandwerk zu unterscheiden bereit ist, ohne kulturelle Unterschiede zu bedenken und in die Bewertung mit einzubeziehen.

Günther Holler-Schuster