UNTITLED (ENVIRONMENT)
Martin Roth

12. Mai – 23. Mai 2015

CoverDer Begriff Environment begegnet uns nicht nur innerhalb des Systems Kunst, wo eine Beziehung zwischen Objekt und Umgebung beschrieben wird, die die Umgebung zu einem Teil des Kunstwerks macht. Environment beschreibt auch ganz allgemein unsere Umgebung bzw. die ökologischen Bedingungen, unter denen wir existieren. Kunstströmungen wie Minimal Art, Konzeptkunst, vor allem aber die Land Art haben diese Bedeutungsebenen soweit vermischt, dass sowohl ästhetische Aspekte wie auch Funktionsweisen zwischen diesen hin und her wechseln. Die Kunst hat es somit parallel zur Naturwissenschaft übernommen Aussagen und Beschreibungen über Prozesse und Erscheinungen die Umwelt betreffend zu machen.

Die Environmental Art hat in Folge der Land Art den Eingriff in das ökologische System als Maßnahme zur Verbesserung und zur Bewusstmachung sowie zur aktiven Teilnahme an den Allgemeinprozessen in Bezug auf unsere Lebensräume weitergeführt. Politischer Aktivismus und Engagement stehen dabei an einem Ende, eine völlig veränderte Form der Naturdarstellung ist am anderen Ende feststellbar. Das Bild der Natur, der Landschaft unseres Lebensraumes, den wir mit Tieren und Pflanzen teilen, ist dadurch entstanden.

Martin Roth positioniert seine Kunst genau in diesem Bereich. Er macht sowohl Gesetzmäßigkeiten aus der Kunst wirksam, wie er auch Prozesse des biologischen Forschungszusammenhangs zitathaft einsetzt. Es ist eine überaus künstliche Natur, von der er ausgeht. Die Natur ist dabei längst soweit zugerichtet, dass man sie im Dienste bestimmter Zwecke und der eigenen Imagination verstehen kann – ein Maximum an Scheinbarem in Wechselbeziehung mit dem, was wir von der Natur erkennen.

In seiner Ausstellung „Untitled (Environment)“ in der Galerie Reinisch Contemporary werden die Zitate aus der Kunst klar sichtbar, wenn er Donald Judds „Stacks“ zu Habitaten für Regenwürmer umbaut. Funktionalismus und industrielle Produktion sollten als zentrale Aspekte der Minimal Art einen romantischen Kunstbegriff unterwandern. Somit wird Martin Roths Vorgang zum ironischen Kommentar, genauso wie zur kritischen Überlegung. Als würde sich die Natur den technoiden Raum der Kunst zurückholen, erscheinen die „Stacks“ nun als belebte Strukturen. Im selben Moment sind sie auch Labormöbel, die modellhaft den Lebensraum der Regenwürmer zu definieren versuchen. Ähnlich verhält es sich mit den Terrarien, in denen Labormäuse leben. Manchmal vernimmt man aus diesen wie auf Sockeln präsentierten Vitrinen Musik. Irgendwie schaffen es die vielfach ausgebildeten Tiere auf ihrem Prüfstand zu musizieren. Den Grund dafür wird man noch erforschen.

Martin Roth erinnert uns in seinen Arbeiten, dass Natur unter modernen Bedingungen auf andere Weise bedeutsam wird. Sie verliert zwar an Eindeutigkeit, gewinnt aber eine unbekannte Totalität. Somit kann ihr Ort überall sein – in uns und außer uns. Jedenfalls ist sie nicht länger das Land vor unseren Augen, auf das wir blicken und das wir zum homogenen Ausschnitt verdichten.

Durch die Kunst wird die Welt zum Bild, wird interpretiert und gleichsam neu geschaffen. Im Simulakrum bzw. in der Laborsituation wird die Realität erst zu dem, was wir von ihr wahrnehmen und wie wir sie idealisieren.

Martin Roth verbindet in seiner Kunst die Codes der Kunst mit denen der Natur bzw. Naturwissenschaft. Innerhalb dieses ironisch-sensiblen Kosmos des Modells, des Labors und der medialen Konstruktion entsteht ein imaginärer künstlicher Erlebnisraum, der mit der tatsächlichen Realität durchaus in Deckung gebracht werden kann. Selbstverständlich kann der Papagei mit dem Navigationssystem eines Autos in Kommunikation treten. Welche Erkenntnisse er daraus zieht, bleibt uns allerdings zurzeit noch verborgen…

Günther Holler-Schuster