UND WIE SOLL DIE ROSENBLÜTHE WIRKLICH BLÜHEN IN’S GEMÜTHE (Hafis ca. 1320–1390)

Einladung RCont-Garten-APR2015-druck-114. April – 6. Mai 2015

Eine der zentralen inhaltlichen Topoi des orientalischen Teppichs ist die Gartenmetapher. Reale Lebensgrundlage und das in Aussicht gestellte Paradies verbinden und verdichten sich in der Vorstellung der Natur und des Paradieses, im Garten. Seine vielfältigen Funktionszusammenhänge lassen uns den Teppich sowohl als Gebrauchsgegenstand als auch als Dekor, als Bild oder als Sinnbild kosmologischer Ordnung verstehen. Der „besondere Ort“, den der Teppich bezeichnet, ist ein Symbol für das Verhältnis des Menschen zur Natur bzw. zur Schöpfung. Die Geografie der Teppichkulturen ist geprägt von der Kargheit der Landschaft. Der Kontrast zwischen fruchtbaren, üppigen Oasen und lebensfeindlichen, eintönigen Wüsten und Steppen sowie unwegsamen Gebirgszonen ist eine grundlegende Kraft, die das Leben und Denken der Menschen dort bestimmt.

Als Ausdruck der Anthropozentrik wird die Natur bzw. die Landschaft zum Teppich. Wie der Teppich im Wohnraum, wird auch die Landschaft vom Menschen zur überschaubaren Realität gemacht. In der Kargheit der Landschaft wird der Garten zum Sinnbild des Vitalen. Gartenanlagen werden im Koran als Zeichen göttlicher Einwirkung, als „Belebung der toten Erde“ erwähnt – besondere Orte, wie es Teppiche sind.

DSC_4101Der traditionelle persische Gartentyp, der in die vorislamische Antike zurückreicht, hat sich in der gesamten islamischen Welt verbreitet. Er ist im Wesentlichen eine rechteckige Anlage, die durch Wasserläufe in vier Sektionen bzw. mehrere Beete aufgeteilt ist. In der Mitte der Anlage befindet sich je nach Größe des Gartens ein Pavillon oder eine Plattform, von wo aus man die Gewächse gut überschauen und in Kontemplation versinken kann. Es ist naheliegend, dass sich der Teppich – das Knüpfen und Weben sowie das Legen des Teppichs sind Sinnbilder des Schöpfungsaktes – zum Bild des Gartens bzw. des Paradieses verdichtet. „Gartenteppiche“ und „Paradiesteppiche“ wurden zu festgelegten Mustern, die die Teppichkultur von Beginn an mitbestimmt haben.

Die Galerie Reinisch Contemporary folgt in dieser Ausstellung der Entwicklung des Zusammenhangs von Natur, Landschaft, Paradies und Garten mit dem Teppich und exemplifiziert dies in einer Präsentation von ausgewählten iranischen Nomadenteppichen. Die aus der Provinz Fars stammenden und ausschließlich für den eigenen Gebrauch produzierten „Gabbehs“ bestechen durch ihre weitreichende Abstraktion und ihre intensive Farbgebung. Die verwendeten Zeichen und Muster reichen auch in die schamanistische vorislamische Zeit zurück. Vitalität und Wachstum werden dabei oft mit dem Garten synonym gesehen. Die geometrische Grundstruktur wiederholt die Wasserläufe und Beete in schematischer Form. Im Nomadenzelt spielt der Teppich somit eine primäre Rolle. Wo weder fester Boden noch Wände sind, schafft er Orte zum Ruhen, er schützt vor Blicken, vor Schwankungen des Klimas und er transportiert den künstlichen Eingriff in die Vorstellung von Natur.

Auch die westlich-abendländische Kultur unterwirft die Natur einem Prozess der Verdichtung, der Abstraktion und Stilisierung. Von der Landschaftsmalerei über die Land Art zur Environmental Art kann man eine zweifache Entwicklung feststellen: einerseits die Bildwerdung der Natur und andererseits das Bedürfnis des Menschen selbst kreativ zu werden – es der Schöpfung gleich zu tun.

Beiden gemeinsam ist die Konstruktion einer Wirklichkeit, die Naturgesetzmäßigkeiten, kosmologische Konzepte und religiöse Vorstellungen bündelt und verdichtet. (Günther Holler-Schuster)