GRAPHISMEN
Graffitis aus der Vergangenheit

ERÖFFNUNG am 21. November 2019
19.00 Uhr, Galerie Reinisch
EINFÜHRUNG Günther Holler-Schuster
Ausstellung bis 20. Dezember 2019

Die Galerie Reinisch Contemporary zeigt diesmal Teppiche aus Marokko, deren Formensprache sehr archaisch anmutet. Bis in die frühesten Zeiten der Menschheit zurück reicht der kreative Impuls, der sich im Funktionellen wie auch im Spirituellen unterschiedlich manifestiert. In Höhlenzeichnungen und Felsritzungen, auf Gegenständen des Haushalts und auf Waffen genauso wie auf Textilien finden sich Zeichen und Symbole rätselhaften Inhaltes.

Es besteht kein Zweifel, dass Teppiche multifunktionale Erzeugnisse sind. Neben ihrer Wohn- und Dekorfunktion und ihrer spirituellen Bedeutung sind sie Verdichtungen von Weltsicht und Glauben. Die meist nomadischen Gesellschaften, vom Wetter- und Jagdglück abhängig, suchen einen Weg, die Umstände günstig zu stimmen. Davon hängt die eigene sowie die Existenz der gesamten Sippe ab. Die Arbeit der Bauern wie auch das Handwerk (Weberei) gelten in diesen Kulturen als „Schöpfungen“, die sich am kosmischen Modell orientieren. Die „Große Schöpfung“ spiegelt sich gewissermaßen auf der menschlichen Ebene. Weben und Knüpfen folgen, ähnlich dem Feldbau, einem jahreszeitlichen Rhythmus – im Herbst wird mit Beginn der Feldbestellung der Webstuhl aufgebaut. Im Winter, wenn die Pflanzen unter der Erdoberfläche wachsen, „wächst“ auch das  Gewebe auf dem Webstuhl. Dem Abnehmen des Gewebes vom Webstuhl entspricht dann die Ernte auf den Feldern. Es ist daher klar, dass in derart spirituell durchdrungen Gesellschaften die Verbindung zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen die zentrale Bemühung ist.

Etwa 35.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung entstanden bereits in Knochen eingeritzte Zeichen oder Folgen von Kerben. Auf Felsen, in Höhlen und auf Gegenständen finden wir Spiralen, Rauten, gerade Linien sowie Anordnungen von Punkten.

Über 12.000 Jahre alt sind derartige Funde sogar aus den Ostalpen (Val Carmonica) und die Sensationsfunde aus dem anatolischen Catalhöyük sind etwa 10.000 Jahre alt. Die gefundenen Graphismen (Zeichen zwischen Schrift und Bild), die bis zu gegenständlichen Darstellungen von Figuren, Tieren oder Objekten reichen können, hatten vielschichtige, heute oft nicht mehr restlos erklärbare Bedeutungen. Sie konnten Jagdzeichen, Hilfsmittel für Beschwörungsrituale oder Teil sakraler oder magischer Riten sein. Immer stellen sie eine Verbindung zwischen der realen Lebenswelt der Menschen und dem religiös-kosmischen Überbau dar. Die reale Umgebung und Objektwelt spiegelt sich in den Zeichen und Mustern genauso, wie die Maßnahmen höhere Mächte günstig zu stimmen. Niemals ist die Formensprache eindeutig. Immer sind Vermischungen und Kombinationen von Zeichen und Symbolen aufgrund der teilweise Jahrtausende andauernden Prozesse feststellbar. Religionen wie der Islam, das Christentum sind dabei nicht die einzigen Bezugsquellen geistiger Potentiale. Die früheren heidnischen Konzepte sind meist erhalten geblieben, haben ihre Bedeutungen heute zwar verloren, sind aber als fester Bestandteil der kollektiven Kommunikation in die jeweiligen Kulturen integriert. So ist das Motiv der Hand als Abwehrzeichen schon in Höhlenmalereien der älteren Steinzeit anzutreffen, während es in der religiösen Symbolik des Mittelmeerraumes ebenso zu zentraler Bedeutung gelangte. Als „Hand der Fatima“, der Tochter des Propheten, ist sie in allen islamischen Gegenden präsent. In Marokko malte man sie als abwehrend und schützend auf Wände und Türen der Häuser – Juden nannten sie „Hand Gottes“, orientalische Christen „Hand der Maria“. Das Glück und Segen bringende Symbol der Hand transformiert sich in der marokkanischen Landesflagge zum fünfzackigen Stern und verbindet die Hand mit dem linearen Zeichen der Raute, die wiederum Fruchtbarkeit, Weiblichkeit, aber auch die mystische Zahl Fünf bedeuten kann – vier Eckpunkte und der imaginäre Mittelpunkt. Über dem Mittelpunkt erhebt sich in vertikaler Richtung die Achse, die das Irdische mit dem Himmlischen verbindet.

Das Weben ist in dem Moment eine spirituelle Handlung, das Gewebe hingegen ist grundsätzlich Ausdruck des Irdischen. Seine Linien werden buchstäblich in der Horizontalen gelegt. Die Vertikale entsteht im religiös-geistigen bzw. im imaginären Kontext. Der Gegenstand (Teppich) erhält somit wesentliche Aspekte seiner Realität in der Metaebene.

Was für uns heute archaisch, fremd und damit exotisch und anziehend wirkt, ist Teil einer durch Jahrtausende sich verändernden Kommunikation mit dem Übersinnlichen – gleichsam Protokoll der Bemühung das Göttliche günstig zu stimmen.

Günther Holler-Schuster