Ausstellung: 24. November bis 18. Dezember 2015

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Die Rekonstruktion ihrer Herkunft zeigt, dass Teppiche multifunktional gebraucht werden. Sie mögen zwar immer auch Gegenstand einer gewissen Schaulust gewesen sein, sie sind aber nicht minder mit einer starken Lust des Berührens und Spürens verbunden. Die Distanz, die zum Betrachten eines Bildes Voraussetzung ist, wird dabei ersetzt durch taktile Komponenten, die dank der Textur des Materials ein Anschmiegen und Einhüllen nahelegen. Sie beziehen sich auf besondere Art und selbstverständlich auf den menschlichen Körper, obwohl die europäische Moderne sie wiederum ausschließlich und bis heute als Bilder definiert.

So scheint es – speziell im Falle der zweiseitigen Teppiche – so zu sein, dass sich das künstlerische Konzept des Teppichs erst erfüllt, wenn Zweck und Funktion zusätzlich zur dekorativen Gestaltungsabsicht gegeben sind. Diese Stücke sind temporäre Orte sinnlichen Erlebens bzw. der Entgrenzung, denn der Teppich verweist nicht nur auf sich, sondern auch auf den Kontext, in dem er gebraucht wird.

Die Galerie Reinisch Contemporary zeigt diesmal ausschließlich zweiseitige Teppiche, die durch ihre Produktionsweise zwei gleichwertige Seiten aufweisen. Es sind funktionell gesehen Schlafteppiche aus den höchstgelegenen Regionen des Atlas. Diese ausschließlich für den Eigenbedarf erzeugten Teppiche sind ausgesprochen selten und kommen im Wesentlichen nur in Marokko und in Teilen des Iran vor. Diese sehr weichen und meist hochflorigen Erzeugnisse entsprechen am ehesten dem Prototyp des Teppichs, dem Fell. Die Bildqualität ist zwar gegeben, jedoch sekundär. Der praktische Nutzen begleitet den visuellen Charakter und trägt zur Überschreitung des Bildes in Richtung künstlerischem Raum bei. Diese Teppiche weisen auf besondere Art darauf hin, dass die europäische Teppichkultur limitiert ist und nur von einer Auslegware bzw. von einem Wandbild ausgeht. Im Nomadenzelt jedoch – also in seiner angestammten Realität – ist vor allem der zweiseitige Teppich ein primärer Gegenstand mit differenzierten Aufgaben- und Funktionsweisen.

Günther Holler-Schuster

Reinisch Contemporary