WINTERPELZ II
Berberteppiche der Ait Bou Ichaouen aus Marokko

ONENIGHTEXHIBITON zum 5-jährigen Jubiläum von Reinisch Contemporary
Eröffnung am 11. Februar 2017, 16.00 Uhr
Schloss Karlsdorf, Karlsdorf 1, 8262 Ilz
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Ähnlich wie mit den anatolischen Tülüs verhält es sich schon länger mit den Berberteppichen aus Marokko. Auch dort begegnet man hochflorigen, sehr frei ornamentierten, gleichzeitig archaisch und modern anmutenden Knüpferzeugnissen nomadischen Ursprungs. Die Galerie Reinisch Contemporary zeigt in einer ONENIGHTEXHIBITION in der Ruine des Schlosses Kalsdorf bei Ilz am 11. Februar für einen Tag, Teppiche der Ait Bou Ichaouen aus dem Osten Marokkos. Die Ait Bou Ichaouen sind eine Ethnie, die bis in die 1990er Jahre durch ihre geografische Abgeschiedenheit nahezu unentdeckt geblieben ist. Entsprechend überraschend ist ihre Teppichproduktion, die ausschließlich für den heimischen Gebrauch bestimmt ist. Die intensiven Farben – das auffällige Violett und Rot – sowie die fellartige Massivität der Gewebe zeugen von der Multifunktionalität dieser Textilien. Sie sind Erzeugnisse nomadischer Zeltbewohner. Als solche dienen sie genauso als Schlafmatten auch als Wandbehänge, die einen Temperaturausgleich während der harten, niederschlagsreichen und windigen Wintermonate ermöglichen. Ihre Muster sind oft sehr freie Interpretationen klassischer Teppichornamente, die bis weit in die vorislamische Zeit reichen können. Prähistorische Höhlenmalereien, die in diesem Wüstengebiet hin zu Algerien zu finden sind, müssen als zusätzliche Inspirationsquelle angesehen werden, genauso wie zeitgenössische Alltagselemente – Waffen oder Geräte – stilisiert in die Musterstrukturen integriert werden. Damit werden die Knüpferzeugnisse auch zu Kommunikationsmittel, die die soziale Situation der nomadischen Gemeinschaft kommentieren bzw. sie zu dokumentieren versuchen.

Diese Ausstellung, die bewusst in der ungeheizten Ruine im Winter gezeigt wird, soll den multisensualen Eindruck dieser Produkte steigern und dem Publikum ursprüngliche Aspekte der Teppicherzeugung nahelegen. Zu selbstverständlich sind Teppiche im Westen auf Bilder reduziert und die Vielfalt dieser Erzeugnisse in den Hintergrund gedrängt worden. Nicht nur die formale Qualität – Reduktion bzw. Abstraktion – sondern auch ihre Unbestimmtheit bezüglich ihrer Verwendung, entspricht dem, was wir von der Gegenwartskunst verlangen. So sind Teppiche genauso dreidimensionale Gebrauchsgegenstände wie zweidimensionale Bilder. Der ästhetische Wert entspricht dem Funktionswert.

Günther Holler-Schuster