IM SÜDEN
ZYMA AMIEN, ANN GOLLIFER, JOHANN LOUW

ERÖFFNUNG am 09. Mai 2017, 19.oo Uhr, Hauptplatz 6
Einführung: Günther Holler-Schuster
Ausstellung bis 03. Juni 2017

Die Ausstellung wird im Zuge der Grazer Galerientage bereits vom 5. – 7. Mai zu sehen sein.

Mit Ann Gollifer, Zyma Amien und Johann Louw versucht die Galerie Reinisch Contemporary den Beobachtungsraum  zu erweitern und blickt in den Süden Afrikas. Die spezielle historische und politische Situation in den Ländern des südlichen Afrikas – vor allem der Republik Südafrika – beschäftigt die Kunst auf vielschichtige Weise. Inhaltliche Bezüge zu den jeweiligen Biografien manifestieren sich in der Verwendung kulturell konnotierter Materialien, die gleichzeitig auch die postkoloniale Dynamik spiegeln und die subjektive Eingebundenheit in diese Entwicklungen unterstreichen. Unterdrückung und Gewalt als ständige und selbstverständliche Bestandteile der eigenen Existenz kommen dabei zum Ausdruck. Laut Stuart Hall betrachten wir alle die Welt aus einer gewissen Partikularität in Bezug auf Ort und Zeit und aus einem jeweiligen spezifischen kulturhistorischen Hintergrund. Was wir sagen und tun ist somit ständig in einem Kontext gefangen.

In Bezug auf die Kunst betrifft das sowohl die künstlerische Aussage als auch die Rezeption. Nicht nur innerhalb der Kunst sind somit Verständigungsschwierigkeiten selbstverständlich und deren Ausräumung oft ein hehres Ziel.

So bezieht sich die Südafrikanerin Zyma Amien auf die leidvolle Lebensgeschichte ihrer Mutter und Großmutter, die beide in der südafrikanischen Textilindustrie zum Mindestlohn über Jahrzehnte hindurch gearbeitet haben. Ausbeutung und ein harter Überlebenskampf prägten die Lebensläufe dieser Frauen, die stellvertretend sind für viele in dieser Branche unter schwersten Bedingungen arbeitende Menschen. Amien verwendet die Nadeln, Stoffe und Arbeitskleidung der beiden Frauen für ihre Bilder, Assemblagen und Installationen. Sie setzt Nähmaschinen als monströse technische Apparaturen ein, die weniger an Produktivität erinnern als an das grundsätzliche eingebunden Sein des Menschen in einen absurd anmutenden Produktionsprozess.

Ann Gollifer, eine Künstlerin aus Botswana, befasst sich ebenfalls mit dem Textilen als Material und mit seiner kulturhistorischen wie soziopolitischen Bedeutung. „Letesi“ nennt man die bedruckten Stoffe, die in Westafrika unter „Wax“ bzw. „Wax hollandais“ bekannt und verbreitet sind. Ursprünglich von afrikanischen Seeleuten aus Java mitgebrachte Batiken sind die Vorläufer dieser bunten Stoffe, die in der afrikanischen Bekleidungskultur eine zentrale Rolle spielen. Rasch wurden diese Stoffe in Europa und werden neuerdings auch in China produziert und in die jeweiligen Länder Afrikas rückimportiert. Der kolonialistische Background dieser Produkte reicht also weit zurück und bekommt durch die billig ausgerichtete Massenproduktion aus Asien eine zusätzliche Facette. Amien (Malerin, Grafikerin, Fotografin und Autorin zahlreicher Texte), die ihre künstlerische Praxis als Übersetzungsprozess von einem Medium ins andere versteht, kommentiert die bereits sehr opulent gestalteten, erzählerischen Stoffdesigns durch zusätzliches Besticken und Bedrucken. Die traditionell aussagekräftigen „Letesi“-Stoffe bekommen auf diese Weise eine individuelle Kontextualisierung und stellen ein ästhetisches Gegengewicht zum bestehenden Stoffdesign dar.

Johann Louw, Südafrikaner und Maler, beschäftigt sich mit dem subjektiven Leid des Einzelnen in einer zerstörten Umwelt bzw. Gesellschaftsstruktur. Die Folgen der Apartheid sind bestimmend für die Gesellschaft in Südafrika – man ist weit weg von einer befreiten Koexistenz. Rassenunterschiede und Ausbeutung sind für die Lebensumstände sehr vieler Menschen im südlichen Afrika selbstverständlich. Der Mensch in seiner Entfremdung und Einsamkeit, in seinem Existentialismus – das sind die wesentlichen inhaltlichen Ansatzpunkte des eminenten Malers Johann Louw. In seinen Kohlezeichnungen, die allesamt viel düsterer wirken als seine Gemälde, wird dieser Charakter der existentialistischen Geworfenheit weiter intensiviert. Einzelne Hyänen und Affen haben sich im apokalyptischen Nichts ihrer Umgebung eingelebt. Sie wirken, wie ihre menschlichen Entsprechungen in Louws Malerei, mutiert, im Verhalten gestört und isoliert.

Es sind dunkle Bilder, die Gollifer, Amien und Louw hier entstehen lassen. Kunst wird dabei gleichsam zum Protokoll einer Entwicklung – einer sowohl historischen und sozialpolitischen, als auch einer höchst individuellen, nahezu intimen.

Günther Holler-Schuster