ARNULF RAINER

ERÖFFNUNG am 23. 09. 2019 um 19.00 Uhr
Hauptplatz 6, Graz
EINFÜHRUNG Günther Holler-Schuster
Ausstellungsdauer bis 19. 10. 2019

Die Galerie Reinisch Contemporary zeigt anlässlich des 90. Geburtstages von Arnulf Rainer einen kleinen, aber repräsentativen Einblick in das Werk eines der Größten unseres Landes. Dieses Werk revolutionierte Vieles und ist in einem dichten Bezugsnetz zu rezipieren. Vehement und schonungslos ging Rainer mit der Kunstgeschichte, mit den künstlerischen Konventionen und letztlich mit sich als Künstler um. Sein unmittelbarer Lebensimpuls scheint sich auf das Bild zu übertragen, es auszufüllen und sukzessive zu verdecken. Das Werk Arnulf Rainers steht innerhalb der Entwicklung der Kunst dieses Landes monumental da. Von automatischen Techniken des Surrealismus ausgehend, über das Informel der unmittelbaren Nachkriegszeit, bis zu performativen, den Körper ins Zentrum setzenden Auseinandersetzungen, reichte sein vielfältiges künstlerisches Interesse. Wie kaum ein anderes verbindet sein Werk die wesentlichsten Strömungen der Nachkriegsavantgarde an der Schwelle zwischen Bild und Ausstieg aus dem Bild. Rainer will aber die Malerei nicht verlassen, um Lebensnähe zu erreichen, nicht die Gesellschaft ist sein Ziel, sondern ausschließlich die Kunst. Er will eine Form der Malerei finden, die zeitgenössischen Grunderfahrungen entspricht, eine Malerei, die nach der eigenen Relevanz in Bezug auf eine in Veränderung begriffene Gegenwart fragt.

Die daraus sich ergebenden Methoden – Übermalung, Überzeichnung fremder wie eigener Werke – loten die Möglichkeiten der Malerei in Bezug auf das Performative aus. Die Malerei als Prozess, als langsame, litaneiartige Meditation, genauso wie als impulsiver, expressiver Akt der Aggression, letztlich der Destruktion. „Wenn ich zeichne, bin ich sehr erregt, spreche mit mir selbst, bin voller Wut und Zorn. Ich hasse die Welt, beschimpfe viele, voller Ungenügen auch mit mir selbst.“ So werden Pinselstriche zu Hieben, Striche zu Schnitten und Punkte zu Stichen. Wenn der Künstler die Farbe direkt mit der Hand auf die Fläche bringt, schlägt er sie gleichzeitig. Das Bild wird zum Zeugnis eines Prozesses. Dieser wiederum wird zum „Lustmord“ an der Kunst.

Der Maler befindet sich in dem Moment im komplexen Prozess der Loslösung des Werks von der eigenen Person. Er kehrt auch manchmal jahrelang immer wieder zum „Tatort“ zurück, setzt den Prozess weiter fort und gibt dem Werk damit eine zeitliche Dimension. Auch in der Grafik, die er keinesfalls als Nebenprodukt versteht, ist es die bewegte informelle Linie, die bestimmend für die Gestaltung ist. Der ständig auf‘s Neue gesetzte Strich, das sich ergebende Gewirr an „Kratzern“ und „Verletzungen“ verdichtet sich zur Fläche. In ihr assoziiert er formale Grundsätze, inhaltliche Möglichkeiten – Berge, Landschaften, Löcher, einen Bauch, ein Profil, eine schwarze Sonne –, die sich aus dem Arbeitsprozess ergeben haben. Oft sind es bestehende Bilder, die Rainer überarbeitet und damit akzentuiert, korrigiert und auf diese Weise zu neuen Bedeutungsebenen führt. So interessierten ihn Ende der 1970er Jahre Totenmasken als Ausdruck letzter menschlicher Expressivität. Rainer verstärkt durch seine malerische Aktion den Gesichtsausdruck der Toten. Er scheint mit der Tatsache der Auslöschung zu kämpfen, um gleichzeitig neues Leben zu ermöglichen – den Toten gleichsam ins Leben zurückzuholen, indem man ihn an unsere Emotion bindet. Der Akt des Malens ist Ausdruck so einer Emotion.

Bereits in den 1950er Jahren beginnt Rainer mit seinen Selbstdarstellungen, die er fotografisch festhält, teilweise nachträglich weiterbearbeitet, oder als rein performativen Akt vor der Kamera belässt. Spontane malerische Geste und Körperpose treten dabei in einen Dialog. Die Pinselhiebe und Attacken des Zeichenstiftes scheinen weniger das Foto zu betreffen als vielmehr den Maler selbst. Ihn malträtiert er, indem er auf das Bild losgeht. In diesen „Face Farces“ überlagern sich zwei Realitätsebenen: die der Malerei und die des Fotos – eine abstrakte und eine realistische Ebene. Dadurch entsteht ein verunsichernder Ausdruck, eine maximale Irritation. Gleichzeitig aber verdichten sich die malerische Geste und die Körpergeste zu einer neuen Einheit, zu einem völlig neuen Sinnzusammenhang.

Rainer vollführt in seiner Kunst grundsätzlich einen Balanceakt zwischen Zerstörung und Bestätigung – „Malerei um die Malerei zu verlassen.“

Günther Holler-Schuster